Anleitung zum Umgang mit Dichter&innen gleich ähnlichen Typen



Fragen Sie im Zweifel den Dichter selbst!


Nicht den Apotheker; auch nicht den Hausarzt oder Ihren Psychater: Sparen Sie sich die harten 10 Eu und mehr!
Pflegeleicht sind die nie gewesen, die Flügelrossreitinnen und Pegasusritter. 
Davon sollte sich niemand abschrecken lassen. 
Dafür sind die dauerhaft; wie bewiesen Jahrhunderte haltbar. Selbst die ermordeten Barden leben immerfort im Gedächtnis.  Politiker verschleißen viel, viel schneller. Siehe 'SPD oder Kohls blühende Gärten' und sonstige Volksbeglücker aller Farbschattierchen! 

Auch wenn Sie Lyrikers Meinung widersprechen wollen, dann haben Sie keinen Bammel vor diesem Menschenschlag.

Also:

Dichter
_ selbstverständlich sind die holden Poetinnen stets mit gemeint _
sind niemals Richter.
Den Geboten der Dichter folgt keine leibhaftige Vollstreckung unterm Beil. Sie befehlen keine ballernden Häscher, trichtern Ihnen keine Kotzmittel gegen Koks ein, verdammen niemanden in feuchtfinstere Kerker als Humanmüll.

Diese Schreiblinge sind keinesfalls der heimtückischen oder rachsüchtigen Schreibtischtäter welche.

Also:

Dichter sind niemals Schulmeister.
Hat jemals eine Versklöpplerin oder ein Reimdrechsler von Ihnen verlangt, selbiger inspirierte Kreationen fehlerfrei fließend aus dem Hirn zu schütteln? Dafür noch 1 miese Zensur zum Vorzeigen für die erlauchte Wertegemeinschaft verpaßt zu kriegen, welche Ihnen 1 Leben lang trübselig hinterherschleicht?
Solche Forderung paßt niemals zu Dichters Standesdünkel.
Ich verbiete deshalb den Lehrern, die Schüler wegen Zeugniszensuren zu zwingen, meine Skofichte auswendig plappern zu müssen.

Ich freue mich jedoch diebisch, wenn die edlen Schüler&innen es, eignem Antriebe folgend, aus Lust an der Sprachübung samt dem Gedankenspiele, begeistert selbst tun.

Ein äußerst gegensätzlicher Unterschied besteht im Erwerb der vermittelten Gedanken beider:
Der Lehrer lernt die zu vermittelnden Gedanken von anderen Lehrern, aus Büchern nebst sonstigem Lehrmaterial. Dieses erlernte Wissen muß er laut staatlicher Verordnung genau nach Lehrplan seinen Schülern eintrichtern. Dafür genehmigt ihm der Staat sein festes Beamtensalär.

Für den Dichter ist solche Schaffe denkbar unmöglich.
Zunächst werden ihm von der Polizei keine Schüler zugetrieben.
Für sein Publikum muß er selbst sorgen. Er unterliegt den freizügigen Gesetzen des eigenwilligen Marktes, lebt von dem, was man ihm gutwillig in die Hand drückt.

Poeten müssen ihre Hausaufgaben selber machen. Heimlich abschreiben ist ärgstens verpönt, wird als Datenklau rundum angeprangert, Plagiat genannt; außerdem verstößt es gegen geistige Urheberschaft und kann sogar strafrechtlich geahndet werden.

Aus dem ergibt sich zweierlei:
Aus andrer Autoren Manuskripte abschreiben?
Das wollen Dichterleute auch gar nicht.
Auf Lauer liegend wollen die, sich inspirieren lassen, kreativ sein, eigenschöpferisch. Daher ist alles irgendwie neu, was sie verlauten lassen und bisher unerhört.

Sie dürfen ihre Hörer und Leserinnen nicht in die Mangel nehmen; wollen es auch nicht. So bleibt ihnen keine andre Wahl, als höflich anzuklopfen.
Das kennen Sie ja von den Staatslenkern: Es gibt da keinerlei Alternative!! Doch befindet sich nach Obigem der Sachverhalt in genau umgekehrtem Verhältnis.

Deshalb braucht niemand ängstlich zu bibbern vor den Flügelroßreitinnen samt den Flügelrossreitergeschwadern (Geschwader, Masse der anstürmenden Reiter auf Flügelrösslein).
Fragen Sie ungehemmt, wenn Ihnen manches mager deucht, Sie die Feinheiten aus dem epochalen Poem zu sehr verschlüsselt und steif, gar ungelenk finden oder kaum begreifen können. Sie machen sich damit keinen Fleck ins Hemde. Zusammenhänge werden Ihnen freundlichst verdeutlicht.

Sagen Sie Ihre Meinung glatt heraus. Für den Verfasser in seinem Elfenbeinturm ist es klug, andrer Leute Erfahrung zu vernehmen, sie seinem Ideengewusel verstrickend. Auch Sie haben dann diebische Freude mit am so vollendeten Werke.

Etwas mag diese Sorte Mensch allerdings gar nicht leiden:
Werden Sie bitte nicht bissig; Pegasus könnte hart ausschlagen; die beherrschen mehr als nur das Liebesabenteurervokabular, die könnten Ihnen bissige Leviten an den Kopf schmeißen.
Widerstehen Sie der reizenden Versuchung, solche aufs Glatteis zu führen; die möchten sonst mit Ihnen Schlitten fahren.
Werfen Sie bitte nie mit dreckigem Lehm; es könnten schmutzige Kluten zurück fliegen.

Also dann:
Auf bestes Einvernehmen miteinander.
Mimen Sie keine verklemmt lächelnde Scheu!
Genau so wenig wie der geübte Rennradprofi die Meßlatte seiner Leistung dem Sonntagsradler unfair über den Nischel dreschen würde, genau so wenig verlangt der redegewandte Lyriker, daß der Laie in poetischer Zungenakrobatik geübter sei als er.


 
 
 
Gedichte seien weder Sittenknüppel
noch schrille Sexheulen.
Gedichte seien geistige Feinwerkzeuge,
in Filigranarbeit geschöpft,
dafür ersonnen,
aus edlen Trieben das
Antlitz
der Seele zu schnitzen.


 
 
 
Dem gebührt der Name
'Dichter',
der sich suchend in das
Unbekannte wagt,
wahre Kunde davon sagend.


 
 
 
Begleitet man es
mit der Sirene,
wird auch Dein
zartes Abendlied
zur schrillen Heule.


 
 
Um 1300 schreibt Eginolf von Staufenberg:
"Wer verständig genug ist, ritterliche Dichtung wohl zu beachten und aus ihr zu lernen, wer durch sie edlen Anstand, Treue und Lebensklugheit zu seinen Eigenschaften macht, zugleich aber alles Rohe und ungeziemliche aus seinem Herzen und seinem Sinn verbannt, den wird der allmächtige Gott im Himmel, der noch nie einem Gerechten seine Hilfe versagt hat, nicht im Stich lassen. Ich rede das nicht etwa nur so daher, sondern das ist meine feste Überzeugung.

Wo sind nun diejenigen, die sich eifrig um solche Klugheit bemühen und die auf solche Weise nach Ansehen in der Gesellschaft streben? Möge Gott all denen, die so viel Selbstzucht haben, daß sie alles fliehen, was Schande bringt, und die – wie ich es habe – sich zu edler Sitte, Aufrichtigkeit, Freigebigkeit und ehrenhaftem Handeln erziehen wollen, helfen, daß ihnen ihr Vorhaben gelingt. Wer in jungen Jahren versäumt hat, all dies zu lernen, wie sehr hat doch – Gott sei's geklagt – ein solcher Mensch seine Jugend schändlich vergeudet! Wo immer die Rede auf die vorbildhafte ritterliche Poesie kommt, da muß er sich beschämt wegwenden."
 
Entnommen der Erzählung "Peter von Staufenberg" in DEUTSCHSPRACHIGE ERZÄHLER DES MITTELALTERS  Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung Leipzig 1977  Band 1 Seite 319/320
 

Noch ein Vertreter dieser edlen Zunft

Auch heurige Skofe & Dichter haben nachgedacht, wie sie den Lesern samt Hörern Ihre Gedanken besser verklickern können.
Ich zitiere:
 
Im ND vom 25.04.06 rezensiert Werner Jung den Wiener Wortjongleur Gerhard Rühm, diesen gar rühmend:
"...Rühm selbst wählt für sich die Bezeichnung von der 'wortkunst', um programmatisch zum Ausdruck zu bringen, 'dass die sprache der dichtung, anders als die normierte gebrauchssprache, sich nicht starren regeln fügen müsse, vielmehr als künstlerisches material frei verfügbar sei (...)' Dass heißt für ihn, dass die hierarchischen Prinzipien der Syntax aufgebrochen und das Wort 'als autonom verfügbares gestaltungselement freigesetzt' wird. Gefordert ist die aktiver Mitgestaltung des Rezipienten, der die Leistungen des als 'sprachingenieur' auftretenden Autors mit eigenem Denken und Assoziieren zu verbinden weiß...
 
Gerhard Rühm: gesammelte werke 1.1 und 1.2 gedichte. (Hg.)Michael Fisch. Parthas Verlag. 1306 Seiten.
 

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2006 Martin Grabo, Wind i Mühl