Meine Schulentlassung 1945

T ei l I

Mitte März 1945

Wir gehörten zu den Schülern. die im April (Ostern) 1937 eingeschult worden waren. So sehnten wir nach 8 Jahren den April 1945 herbei. Jede Lust auf Schule gehörte längst der Vergangenheit. Eines Tages nach dem Unterricht forderte uns der Schulleiter Hoffmann auf, den nächsten Tag mit dem Fahrrad, einer Schaufel oder einem Spaten nebst Tagesration an der Schule zu erscheinen. Keiner hatte was dagegen, nur raus aus dem miefigen Klassenzimmer.  
07.00  Uhr standen wir versammelt bereit. Das Schanzzeug ward an die Querstange gebunden, wie bei Straßenarbeitern üblich. Wir wurden an eiserne Disziplin erinnert und daß wir die ehrende Aufgabe hätten, bedeutendes für die Verteidigung des III.Reiches zu leisten. Der Befehl beorderte uns an den Sammelpunkt zum Feuerwehrhaus in Pratau.
Unterwegs kamen wir an mehrere 8,8 Flakbatterieen vorbei, die zwischen Eutzsch und Pratau aufgestellt waren. Von Pratau wurden wir nach Wittenberg in die Wallstraße befohlen, wo sich vor dem Gesundheitsamt der Einsatzstab befand. Wir haben, die Elbbrücke überquerend, vorbereitete Sprengschächte in den Pfeilern bemerkt; Auf einem Podest über dem Brückenbogen befand sich eine 2 cm Doppelflak, über den Elbwiesen schwebten Fesselballone.
Am Stab trafen noch mehr Jugendliche ein. Wir wurden mit den Worten vergattert, daß Wittenberg zu eine starken Festung erklärt worden sei, die es schon früher gewesen ist und daß demgemäß Verteidigunsanlagen geschaffen werden müßten, um das III.Deutsche Reich vor den herandrängenden 'bolschewistischen Horden' zu retten. Man teilte uns einem Pionierfeldwebel mit einem Arm zu, der andere war ihm bereits abgeschossen worden. Im Gänsemarsch sind wir dem hinterher getrottet bis an den Güterbahnhof. Dort sind wir angewiesen worden, Laufgräben, Schützengräben samt MG-Stellungen in den benachbarten Kleingärten der Eisenbahner in Richtung Osten auszuheben. Wie Maulwürfe wühlten wir uns unter den Zäunen durch. Wir, die wir nur den päkigen Lehm der Aue gekannt haben, fühlten uns hier in dem sandigen Boden wie im Buddelkasten. Wir Dörfler waren den Umgang mit Schippe und Spaten gewöhnt. Der Himmel glänzte blau, Sonne hat warm gestrahlt, wir konnten mit aufgekrempelten Hemdsärmeln freiweg schanzen. Das ging ein paar Tage so. Niemand konnte sich vorstellen, das hier wenige Wochen später die Schienenanlage von US-Bomben umgepflügt, von sowjetischen Panzern und Katjuschas wie deutschen Flakgranaten das Hbf-Gebäude zu einer brennenden Ruine zerschossen sein würde; und Leichen Gefallener zerfetzt zwischen den Gleisen lägen.
Nach getaner Schanzarbeit sind wir zum Stadtgraben gegenüber dem Schloss beordert worden. Wir mußten den Graben vertiefen, verbreitern und davor einen Wall hochschaufeln. Da hinein sollten die anrollenden T 34 stürzen. Ich habe später keinen drin liegen sehen. Die Elbstraße hatte bereits eine dicke Panzersperre erhalten.  
Auch dort war unsres Bleibens nicht ewig. Der Krieg verlangte nach uns. Wir erhielten einen Koordinatenpunkt im Gelände nahe dem Kanal zwischen Eutzsch und Klitzschena südlich vom Trebbich, einer Waldinsel in der Aue, zugewiesen. Hier mußten Haubitzenstellungen ausgehoben werden.  
Stets verteilt Fortuna launisch ihr Gunst. Wir schanzten an einer Stelle reinsten Lehmes. Jeder Spatenstich mußte mit kräftigem Tritt abgestochen und aus der Grube geschmissen werden. Andere, größere Burschen so 50 Meter nebenan, die haben auf einem Scheinberg gegraben, kamen bald in den Sand und flott voran. Wir sind jedoch nie angetrieben worden, haben geschafft, was wir konnten. Mit den fremden Burschen kamen wir nie ins Gespräch, es schienen Lehrlinge zu sein oder Gymnasiasten. Die strolchten während der Pausen im Trebbich rum. Einer hatte einen alten Eimer ohne Boden gefunden. Den nächsten Tag haben welche Eier, Mehl, Milch, Zucker Fett samt Tiegel mitgebracht. Im Milchtopf ist Eierkuchenteig angerührt worden, im umgestülpten Eimer Reisigfeuer entfacht; drauf kam der Tiegel. Dann hat einer der Burschen äußerst geschickt Eierkuchen gebacken. Ich habe ihn bewundert, wie der die einseitig gebackenen Fladen aus dem Tiegel in die Höhe schnellte, die sich dabei wendeten und mit der ungebackenen Seite wieder aufgefangen worden sind, um fertig zu backen. Wir Rackither bekamen keinen davon ab, hatten wir bei unsrer eignen Verpflegung mitnichten nötig.
Anderntags brachte einer von den Burschen eine Stabbrandbombe angeschleppt. Sofort war jemand bereit, der behauptete, Daß er die Bombe entschärfen könne. Nach kurzem Gespräch nahm er die Bombe in die Hand, sie kräftig auf die Fahrbahn der kleinen Kanalbrücke schlagend. Es knallte wie ein Pistolenschuß. Der Bursche sprang behende zu Seite. Die Bombe begann am unteren Ende gleißend hell zu brennen (Magnesium). Abgebrannt blieb ein Häufchen strahlender Glut übrig, die mit lautem Krach seitwärts auseinander gesprengt worden ist, um möglichst viele Brände zu zünden. Der Feldwebel kam hinzu, schimpfte des jugendlichen Leichtsinnes.     Inzwischen war die Schulentlassung herangerückt. Wir haben die unvollendete Frontstellung, nach 6 Jahren Kriegsjugend skrupellos in den Frieden fliehend verlassen; laut des Entsieg Schlachtrufes: 'Vorwärts Kameraden! Die Hacken zur Front'.
Noch ein letztes Mal trafen wir uns in der Klasse, das Entlassungszeugnis in Empfang nehmend. Nebenbei bemerkte der Lehrer, er hätte uns gern nochmal verwamst, weil wir zuvor im Unterricht Karte unter der Bank gespielt hätten. Aber an Helden von der Front würde er sich nicht mehr vergreifen. Die Weiber hatten während unsrer Abwesenheit gepetzt; wegen des hurtigen Aufbruches waren die Spielkarten im Bankfach vergessen worden. Ob wir, wie sonst üblich, noch einmal laut: "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt..." gesungen haben, entbehrt meiner Erinnerung. Viel gab es ja von den Deutschen Landen nicht mehr zu besingen.  
 
Am 1. April hat meine Lehre als Müller begonnen. Der Krieg wütete gnadenlos mörderisch weiter. Meine Neugier trieb mich in den Ereignissen um. Ich habe mich in Militärtaktik und auch mit mancher Waffe ausgekannt; Gebrauch davon jedoch nie gemacht. Ich hatte ein ahnend vorsichtiges Gemüt.  

T E I L II

Wie alle Gefahr einmal endet, so endete auch dieser schreckliche Krieg mit Kanonendonner samt Bombenhagel für Deutschland schmählich.  
Am 08. Mai 1945 kam endlich der ersehnte Schluß, die bedingungslose Kapitulation. Deutschland weitgehend verheert, ein Trümmerhaufen mit Leichenfeldern, zwischen denen zu Füßen der Sieger heimatlose Flüchtlingskarawanen elend umherirrten. Bietegast, Rackith, Lammsdorf waren von der Vernichtungsorgie in der Grundsubstanz verschont geblieben. Die Dörfer lagen mit wenigen anderen in einem schmalen Streifen Niemandlandes zwischen Elbe und Mulde, der als kläglicher Rest des totgesiegten III., des Großdeutschen Reiches von Dessau bis Torgau reichte. Zwar kamen Granateinschläge nur bis an die Ortsgrenzen, fielen schwere Bomben nur außerhalb der Siedlungen ins freie Feld; doch die Gefallenenlisten der in fremden Ländern getöteten Soldaten waren lang. So manche Familie weinte trauernd um den in der Schlacht Hingeschlachteten, die Kinder sehnten sich vergeblich nach den Vätern, die Ehefrauen nach dem geliebten Gatten, die Bräute nach dem Bräutigam.  

Langsam wich der Schock; dieses Land bedeutete nichts mehr in der Welt.  
Die Panzersperren an den Dorfausgängen nach Bietegast und Wachsdorf wurden beseitigt; die Schützengräben nördlich Rackith zugeschüttet; der Acker mußte bestellt werden; das Volk hungerte.
Die Zwangsarbeiter aus Polen und anderswoher samt den gefangenen Franzosen, die hier arbeiten mußten, glücklich, das organisierte Völkermorden überlebt zu habe, nun frei, zogen freudig der Heimat entgegen. Der Verkehr, nicht mehr von feuernden Tieffliegern bedroht, belebte sich; Lokomotiven pfiffen wieder auf der Bahnstrecke. šberall regten sich fleißige Hände, neues Leben zu organisieren.  

Auch die Kinder gingen erleichtert wieder zur Schule. Es gab in den Orten viele Schüler, dieweil auch die Kinder der Umsiedlerfamilien, der heimatlosen Flüchtlinge und der ausgebombten Evakuierten aus Berlin und anderen Städten hier vegetierten.
Eine Schulgemeinschaft hatten Lammsdorf und Rackith schon von jeher gebildet. Die älteren Schüler sind in Lammsdorf unterrichtet worden, die jüngeren in Rackith. Bietegast hatte eine selbständige Einklassenschule mit 1 Lehrer. In Rackith wurde jetzt in Schichten unterrichtet, vormittags und nachmittags. Neue Lehrer standen vor den Schülern. Unterrichtsmaterial war sehr knapp. Es hat viel Notbehelf gegeben. Zeitungsränder sind beschrieben worden, die Rückseiten alter Akten. Glücklicher Weise war auf dem Dorfe die Kapehatafel nebst der Schiefertafel beibehalten worden. War die voll geschrieben, konnte man die Schrift mit nem feuchten Schwamm abwischen und wieder drauf schreiben.  

Ich hatte mit der Volksschule nichts mehr zu tun, aber Wolfgang, mein jüngerer Bruder. Die Berufsschule Wittenberg hatte mir eine Karte gesandt mit der Aufforderung zum Fachunterricht. Dorhin radelte ich wöchentlich. Wir Müller sind von einem erstklassigen Fachlehrer zünftig unterrichtet worden.  

1 9 4 6

Die Bodenreform ward durchgeführt; der Grundbesitz des Rackither Rittergutes landarmen Bauern, Umsiedlern und Arbeitern übereignet, die es in Freude annahmen; einer jahrhunderte langen Ungerchtigkeit gedenkend. Das Rackither Gutshaus (Schloss) ging in das Eigentum der Gemeinde über. Obwohl unglaubliche Wohnungsknappheit herrschte, sind dann der Schule 2 große Räume für den Unterricht zur Verfügung gestellt worden. šber den Eingang wurde geschrieben:
"Wissen ist Macht".
Der Spruch, von Gutsarbeitern angebracht, sollte den ehemaligen Herrn Moritz von Schlieben noch im Grabe wurmen. Der sagte nämlich dem Dorfschullehrer:
"Sie lehren die Kinder zu viel. Wenn die hinterm Mistwagen hergehen und ein Oxengespann führen können, so genügt das. Die brauchen nicht alle Professor zu werden".
Damals war der einzige Klassenraum auch knüppeldicke voll, doch die Einstellung eines Hilfslehrers wurde verweigert.
So lange ich zur Schule gegangen bin, wurde vom Bau einer neuen Schule am Bahhof geredet. Nur einmal gab es 1 neue Viererbank für das 1. Schuljahr. Die war schön schwarz lackiert. Diese durchgehenden Viererbänke wurden oft mit 5 oder 6 Schülern besetzt. Es gab nur einen einzigen Stuhl in der ganzen Klasse für den Lehrer. Moritzens Sohn, der Hans von Sch., hatte für den Neubau der Schule kein Verständnis. Aber die Gemeinde konnte sich mit ihrem Ansinnen gegen den Feudalherren nie durchsetzen.
Die Lammsdorfer Bauern, unabhängig von solchen Krautjunkern gönnten den Kindern des Dorfes eine moderne Schule, die sie 1930 erbauen ließen.
Etwa 2 Jahre war ich dorthin geradelt. Sie kam mir wunderbar vor. Große Fenster gen Westen; Vorhänge die lichtdicht schlossen bei Fimvorträgen; Fußbodenbelag; grüne Einzeltische mit je 2 Plätzen; Stühle für jeden; höhenverschiebbare Wandtafel nebst klappbaren; Kugellampen; Zentralheizung; alles schnieke. Auf dem Vorhof haben wir während der Pause stets Völkerball gespielt. Rackith war dagegen eine arme Paukerbude. Ich verkneife mir Einzelheiten.  

Meine Fahrten zur Wittenberger Berufsschule führten mich wiederholt an den ehemaligen wüsten Kampfstätten, den teuren Trümmern samt Schrott vorbei, die übrig geblieben sind vom Siegen.
An den gesprengten Elbbrücken wurde gearbeitet. Sowjetpioniere hatten über die Bögen der in den Fluß gestürzeten Straßenbrücke eine hölzerne Behelfsbrücke geschlagen. Für die Eisenbahnbrücke wurden Betonpfeiler hochgezogen. Darauf ist dann eine stählerne Ersatzbrücke gelegt worden. Schade um die mutwillig zerstörten Brücken. Einen Tag vor der irrsinnigen Sprengung bin ich noch drüberweg geradelt, als die Sowjets schon den Hauptbahnhof besetzt und die Amis bis Bergwitz Spähtrupps vorgeschickt hatten.
Erstaunt bemerkte ich, daß der hohe Erdwall, den wir aus dem Stadtgraben rausgeschippt hatten, schon wieder eingeebnet und die Panzersperre in der Elbstraße verschwunden war; nie hat hier ein T-34 angegriffen. Der Bahnhof war, noch bevor die Sowjets kamen, von den Alliierten zerbombt worden. Die Bahnbrücke nahe der Luthereiche war zerstört. Außerdem schossen die deutschen Flakbatterien, die bei Eutzsch gestanden haben, die Bahntrümmer noch mal kaputt. Der Luftschutzbunker gegenüber aus Stahlbeton blieb ganz.
Mich hat es zu den Orten getrieben, wo wir damals die Kampfstellungen geschanzt hatten. Die waren mitten im Kampfgebiet gelegen. Ein Gleis auf dem Bahnhof war wieder durchgehend befahrbar. Die Granat und Bombentrichter einschließlich der von uns ausgewühlten Schützengräben in der Feuerzone lagen sorgsam eingeebnet. Die Kleingärtner pflanzten wieder Kohl und Salat. Sie säten Gemüse. Jede Mohrrübe war in diesen Hungerjahren eine köstliche Bereicherung des mageren Speisezettels. 'Selbstversorgung' hieß das Zauberwort.
Nicht allein die Erde ist im Kampfgebiet zu einem Todesstreifen umgewühlt worden; es hatte auch manchen kaltschnäuzig in den Tod gehetzten Soldaten gegeben. Sie hatten nicht das Verhängnis der Stunde erkannt und ihre Knarre weit von sich geschmissen, ehe sie in Gras beißen mußten. Kriegstragödie der letzten Stunde.  

T E I L III

Des Grausamen kundiger kurbelte ich über die Notelbbrücke wieder heim. Währenddes verfiel ich versonnen in Selbstgespräche. Nicht, daß es mir an Zuhörern gemangelt hätte. Nein, ich unterhielt mich als junger Bursche gerne mit mir selbst. Rechts im Kopfe harrte der Spruch, links erwärmt sich der Widerspruch für den Streit. Dann ergingen sich beide ins Wortgefecht. Ich war ein sehr sicherer Radler. Während freihändiger Fahrt konnte ich endlos spinnen und träumen, auch im Dunkeln. Die Kurbelei regte mich sogar an. Hier gab die Brücke den Denkanstoß.
Einerseits war die zerstörte Brücke; andrerseits die riesigen Kosten für den Neubau.
Wir lernten in der Berufsschule wirtschaftliches Rechnen mit Gewinn, Verlust und bilanzierendem Saldo:
Da sind unsre verehrten Altvorderen mit lautem Kriegsgeheul in andere Länder gestürmt; in der Absicht, mit reicher Kriegsbeute heimzukehren. Nichts da, gar nichts!
Sie kriegten mächtig Dresche, wurden zurück geschlagen. Millionen sind auf fernen Schlachtfeldern verreckt. 1/3 des Gebietes haben sie verpulvert. Ihr III. Reich war versiegt.
Als Erbe haben sie uns ein verheertes Land, städtische Trümmerhaufen, zerstörte Werke hinterlassen; zudem drückende Besatzungstribute.
War das ihre hehre Absicht als sie uns geboren haben?
Oder haben sie in ihrem Glaubensdusel den Falschen, eben den hetzenden Gröfatzke gewählt?
Gewarnt wurden sie. Doch wer nem Großmaule ergeben glaubt, wird selten selig. Die Brücke mußte überhaupt nicht gesprengt werden. Sinnlose Untat, reiner Vernichtungswahn kriegsgeiler Betonköpfe.
Ich weiß nicht, wieviel Brücken kosten; 2 Flutbrücken sind ja auch noch gesprengt worden, die dazu kommen. Jedenfalls hätte man für das notwendige Aufbaugeld mindestens eine neue Schule bauen können;
wenn, ja wenn ....?......?  
 
 
In Gedanken kehre ich die Ereignisse um, tauche in eine andere, virtuelle Welt, in eine Zeitschleife:  
 
Wir stehen noch mal früh mit unserm Schanzzeug vor der Schule. Lehrer Hoffmann, der im Internierungslager gestorben wurde, tritt noch mal aus der Haustür. Seine Augen strahlen durch die randlose Brille; sein ganzes Gesicht lacht. Er blickt über uns hinweg; grüßt:
"Guten Morgen Jungs! Es geht los."
Zurückgrüßend blicken wir ihn erwartend an.
"Es geht endlich los. Ihr radelt an den Bahnhof. Dort beginnt ihr, die Fundamentgrube für die neue Schule auszuheben. Euch wird jemand einweisen."
 
"Hurra!" rufen wir, "das ist eine Pfundssache".   
 
Wir rasen los, daß es stiebt. Sofort schippen und graben wir wie die Maulwürfe, daß der Dreck nur so fliegt; uns wird warm.  
Ein kurzer Sonderzug rollt Pfeifend in den Bahnhof. Er hält. Die Türen fliegen auf. Sonderbare Gestalten purzeln raus, die Gespenstern gleichen. Den Stiefeln nach könnten es Soldaten sein, die in weißen Schneetarnhemdeen stecken. Sie tragen Hacken Spaten und Schippen. Aber das übrige? Wo konnen die bloß her?  
Ihre Hemden sind mit Dreck beklebt und blutbesudelt. Manche tragen hölzerne Arme, andere gipsene Beine bei sich, an denen Fleischfetzen hängen; etliche halten sogar einen Kopf mit rausgequollenen Augen unterm Arm. Schrecklich anzusehen, zum Fürchten.  
Ich stehen ihnen zu nächst. Ihr Anführer tritt an mich, grüßt:
"Wir haben ein Gelübde für ein gutes Werk geschworen, werden euch helfen; wir sind eure Leute. Wo können wir anfangen?"  
Ich bin verdaddert, weiß kein Wort. Mit der Hand weise ich zur Gegenseite, wo der Rand der künftigen Baugrube markiert ist. Er hebt bestätigend die Hand:
"Ich weiß Bescheid."  
Sie gehen rüber, legen die Hemden und ihre fürchterlichen Utensilien ab; beginnen emsig zu schachten.  
 
M i t t a g : Unsere Leute haben eine Gulaschkanone mitgebracht. Die Mampfe ist gar. Der Koch ruft laut. Wir Jungs werden aufgefordert:
"Kommt! Holt euch einen satten Schlag mit ab."  
Wir sitzen zwischen ihnen; der Anführer neben mir. Er berichtet:  
"Mit einem Geheimtrick konnten wir uns Einblick in das Buch der Vorsehung verschaffen. Dort waren unsre Schicksale beim Kampf um Wittenberg verzeichnet. Wer dieses weiß, kann seinem Schicksale entweichen, wird vor ihm gefeit. Wir gewannen, mit bindendem Schwure, eine gute Tat im Leben zu vollbringen. So gelang es, durch einen Zeittunnel der Helja zu entschwinden. Allerdings mußten wir uns mit den Verwundungen kennzeichnen, die unsern Tod gefordert hätten. So wären einem von einer Mine die Beine abgesprengt worden; dem andern von einer Granate der Kopf abgerissen; jenem der Arm vom Bombensplitter abgeschlagen; die Blutflecken an den Hemden markieren tötliche Einschüsse.  
 
Wir künftigen Lehrlinge müssen bald die Lehre antreten. Dafür haben unsere Leute volles Verständnis. Sie sagen:  
"Der Beruf ist eure Zukunft. Erfolg wünschen wir euch aller friedlichen Wege. Wir werden den Bau vollenden".  
Wenn wir vorbei kommen, besuchen wir unsre Leute. Sie freuen sich am Fortgang der Arbeit und wir uns mit ihnen. Sie fühlen sich sichtlich wohl, finden, daß Aufbauen größeren Spaß macht als wütendes Zerstören. Schulgebäude samt Einrichtung soll bis zur Einschulung im Herbst vollendet sein.  
Der Innenausbau beginnt. Rohre und Leitungen werden verlegt. Die Möbel finden ihren Platz; und man kann schon erahnen, welcher Raum welchem Unterrichtsfach zugedacht ist. Sie sind so vielfältig, daß wir ehemaligen einklassigen Dorfschüler nur rätseln können, was darin gelehrt werden wird. Es möchte ein wunderbares Lernen sein.  
 
Zur Einschulung der Erstklässler ist ein großes Zuckertütenfest angesagt. Der Kindergarten ist eingeladen und die Nachbarschulen reisen an. Über dem Schuldach weht ein Banner mit der Aufschrift:  
 
Wissen ist Macht! Wissen macht frei! Wissen beut Zukunft!  
 
Es wird gesungen, getanzt, gespielt. Große Schüler sagen Gedichte auf oder schauspielern kurze Theaterstücke. In etlichen Klassen werden Experimente vorgeführt. Überall herrscht gute Laune, frohe Zukunftstimmung. Den Abschluß bildet ein großes Freudenfeuer. Als die Flammen am höchsten lodern, treten unsre Leute geschlossen vor, umringen das Feuer. Laut rufen sie:
 
"Wir haben unsern Schwur erfüllt. Friede! Friede! Frei!
 
Dabei werfen sie ihre Krücken in die lohende Glut, streifen die Schneehemden ab, schmeißen die hinterher; aus dem Zunder schießen Stichflammen hoch.  
Noch einmal rufen sie:  
 
        "Wir sind des Todes Masken ledig, unser Schwur ist erfüllt!"  
 
Es wird gefeiert, Volkslieder werden gesungen, bis die Sterne hoch am Himmel stehen. Am nächsten Tag beginnt der Unterricht im neuen Schulpalast.
 
 
Hätten unsre Altvorderen doch, statt Brücken zu sprengen, uns diese Freude bereitet; damit zweifellos die bessere Wahl treffend.
 

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