Wie dressiere ich meine Ballade ?

Für junge Reitinnen & Reiter, die nicht nur reiten wollen.

Zur Ballade "Im Abendleuchten" habe ich ausnahmsweise mal mehre Kalenderdaten angegeben. Jedes Datum erinnert, daß an jenem Tage etwas geändert wurde. Meine Skofichte sind nie in einem vollendeten Guß fertig, wenn sie den Tag überdauern sollen. Stets wird nachgearbeitet, werden Grate geglättet, Unebenheiten abgeschliffen, wird poliert; nicht nur an der Metrik, dem Reim, auch die Aussage, Wortwahl überdenke ich, besuche den Ort des Geschehens.

Mit einer Reitdressur möchte ich solche Schaffe vergleichen:
Die künftige Reitin hat das Große Los gezogen:
Ein Pferd!
Hallo! Ein echtes Pferd!
Was soll damit geschehen?
Das Vieh schlachten ? In die Wüste treiben ? Verkaufen ?
Nein!
Frau könnte damit reiten!
Das ähnelt der Anfangsituation des Skofes.
Es gab ein Ereignis, von dem seine Fantasie mächtig angeregt wurde.
Wie formt er sie nun aus?
Mit welchen Mitteln der Sprachkunst: Erzählung; Novelle; Lied; Märchen; Sage; Gedicht; Ballade ???????
Die Dame hat sich für Sportart 'Dressurreiten' entschieden; der Skof für Ausdrucksart 'Ballade'. Sie hat schon mal Dressur gesehen; er Balladen gelesen. So gibt es bereits gewisse Vorstellungen. Die gilt es ins Geschick zu bringen.
Reitin und Pferd machen sich bekannt; er bildet die Fabel zum Ereignis, umschreibt den Inhalt seiner werdenden Aussage.
Die ersten Reitversuche an der Longe folgen. Pferd und Reitin stellen sich aufeinander ein, machen die ersten Gehversuche.
Der Skof treibt seine Gedanken um, streckt die Fühler seines stilistischen Gespüres aus. Er schreibt ein paar versähnliche Sätze, um Klang samt Wortbedeutung in sinnige übereinstimmung zu bringen. So wie die Reitin im Dressurviereck die ersten Lektionen in der Schrittgangart bei Arbeitstempo gewagt.
Gelingen sie einzeln, gilt die Mühe der Verbindung der verschiednen Figuren, daß ihre Abfolge im Zusammenspiel erfolgen kann. Sehr ähnlich habe ich die einzelnen Sätze der Ballade durchgeübt, beisammen gesetzt, aufeinander abgestimmt. Anschließend wird die Dressurschau erweitert, sie vervollständigend und eine Lektion an die andere gehängt, gleich ein Vers an den nächsten geschrieben.
Ausdauer ist hierbei gefragt, kein Nachlasssen. Mein Sinnen und Trachten muß mit dem Projekt verschmelzen, Mein Wesen das Vorhaben durchdringen, es mit seinem Geist erfüllen. Wie Reitin und Pferd in Gefühl samt Handeln im Laufe der Übung Eins werden, ist es mit dem Skof und seiner Ballade sehr ähnlich. Schließlich kann ich sie jeder Zeit aus dem Kopfe hersagen, und das geschieht im Jahre öfter als die 365 mal, zusätzlich wiederholter Besuche des Tatortes zwecks Feinabstimmung.
So wie die einzelnen Lektionen im Dressurviereck zusammen koppeln in den Gangarten und Tempi, in der Gleichmäßigkeit wie im Schwung des Bewegungsablaufes ästhetisch ausgefeilt; so stelle ich die einzelnen Verse zur Strophe zusammen, daß deren melodischer Takt harmonisch ineinander fließend dem Ohr schmeichelnd klingt.

Eines Tages dann entscheidet sich die Reitin, ihre Dressurleistung bei einem Turnier ganz öffentlich zu zeigen, in froher Erwartung, für ihre sportliche Mühe nicht nur Beifall zu finden, sondern für die Vielfalt ihres Könnens durch die Strenge Jury auch Anerkennung:
Das erweist sich in der Bereitschaft die Hilfen anzunehmen (Durchlässigkeit), der Hufschlagfigur, den Grundgangarten in allen Tempi, im Außengalopp, an den Seitengängen, an Travers, Revers, Traversalen, am fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung, an Pirouetten, Passage und sonstigen schweißtreibenden Feinheiten des geschmeidigen Bewegungsablaufes.

Irgendwie kämpft sich der Dichter/Skof auch bis zum neugierigen Publikum durch. Hier möchte er sein Sprachkunstwerk vortragen:
Ein ins Gemüt dringendes Ereignis aus abendlicher Naturschönheit, Frohsinn, Sport, Lust, Wonne gediegen verbalisiert.
Es somit anderen gelingt, was er in gewählten Worten dargelegt, sich lebhaft vorstellen zu können; auch eigen nach zu empfinden. Insonder geht sein Trachten dahin, der Hörin/Lesin eine Handreichung in sprachlicher Modulation zu geben, behelfs derer sie selbst sprachschöpfend fündig werden kann. Wir nehmen mal an, daß beide in ihrem Bemühen um Sport und Lyrik weiter streben und harren geduldig dessen, was dann ihrem Tun entspringen wird.
 
"Im Abendschein"  Ballade aufrufen !     
 
 
 

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2006 Martin Grabo, Wind i Mühl