M EI N U N G

des Martin  G r a b o  zu

Paul  Z e ch s  Dichtung:

"DIE BALLADE VON EINEM BLINDEN GRUBENPFERD"

Zech-Ballade:  Grubenpferd
 

Zugpferde im Steinkohlenschacht

In einem meiner Volksschullesebücher stand die Erzählung:

         " Das Grubenpferd Mirsa"

an die ich mich noch heute lebhaft erinnere.
Der Autor, leider vergaß ich seinen Namen, beschrieb die schwere Arbeit der Zugpferde drunten in der Erde im dustern Steinkohlenschacht. Die Pferde wurden mit dem Fahrstuhl von oben hunderte Meter tief in die dunkle Stollenwelt der Bergknappen gesenkt. Dorten blieben sie von Stund an, bis sie nicht mehr nutzbar waren. Das einzige Licht, das schwankend sie begegnete, waren die spärlich leuchtenden Grubenlampen der Knappen. Die Tiere erblindeten mangels Sonnenschein.

In den Sielen

Dieses geschundene Vieh sah nie mehr der Sonne güldenen Strahlen, konnte sich auf keiner grünen, blumigen Wiese mehr tummeln, hat nie wieder frisches Gras gerochen. Der Gaul mußte schwere Loren, Hunte genannt, durch niedrige Stollen, schmale Strecken des Schachtes trecken; angetrieben wurde er oft von älteren Knaben.
In die Hunte ist von den Bergleuten zuhauf Steinkohle oder taubes Gestein geschaufelt worden. Für diese Schlepperei wurden keine Lokomotiven benutzt. Es bestand die Gefahr, daß Funken ein Schlagendes Wetter hätten zünden können, furchtbare Explosionen von Kohlenstaub und Methan auslösend. Sicher waren Pferde auch billigere zugmittel.
Um 1860/70 haben in den Zechen unter Tage etwa 75000 Treckepferde gearbeitet.

Begegnungen

Als ich wieder mal in einem meiner Balladenbücher rumstöberte; eigentlich ging es mir um die Ballade "Des Sängers Fluch" vom Ludwig Uhland, begegnete mir unerwartet der Paul Zech. Man kennt unmöglich alles.
Bislang war er mir nur aus seinen Erzählungen von südamerikanischen Indios bekannt, deren Sagen nebst Märchen er durch den Urwald ziehend gesammelt hat.
1933 wurden Pauls Bücher verbrannt (damals gab es noch keine Kontainer), er wurde interniert, anschließend von den Volksgenossen aus dem III. Reich geekelt.

Neugierig las ich:

    "DIE BALLADE VON EINEM BLINDEN GRUBENPFERD".

Sofort dachte ich an

Reitin

    S A R A Hs

       schwarzbraune R o s s e

nebenan und daran, daß deren muntre Springer nie solch schrecklich finsteren Marterweg traben müssen, um auf den ewig grünen Weiden des Pferdehimmelreiches fröhlich wiehern, rennen und grasen zu dürfen.
Hier schauen   Reitin Sarahs Rosse   munter aus dem Bildschirm !

Der Dichter als Bergknappe

Paul Zech, als eines Lehrers Sohn 1881 geboren, hat selbst unter Bergleuten im Steinkohlenschacht gewühlt, ist auch als Heizer tätig gewesen. In der Kohle ist er gewiß den Pferden begegnet. Möglicherweise hat er die Ballade selbst erlebt, oder sie wurde ihm von den Pferdejungen berichtet.
Aus dem Ärmel schütteln, das heißt, einfach zusammenspinnen kann man diese Dichtung kaum. Hierfür gehört schon etwas erlebte Wirklichkeit, noch dazu das kein Billigkrimi ist, sondern Anklage von erbärmlichen Zuständen.
Der Mann hatte zwar studiert, wollte aber das Dasein des Lohnarbeiters, Arbeitnehmers am eignen Leibe verspüren.

Mitgefühl

Paul hat wohl das Leiden dieser geschundenen Kreaturen in seiner Seele schmerzlich mit empfunden. Ansonsten hätte er ihnen kaum üppige Weide im Pferdejenseits gewünscht.
Auch geistige Kraft seitens des Dichters gehört dazu, eine gefühlträchtige Ballade zu verfassen, die aus der Wirklichkeit schöpfend selbst Triebkraft dem Besseren sein soll.

Frischer Duft reizt

In den Kohleschächten wird zum Ausbau des Strebes viel Rundholz benötigt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß einer Mähre dort unten, wo sie entgegen ihrem Freiheitgelüste gefangen ist, alle natürlichen Triebe aufbrechen, wenn solch harziger Duft taufrischen Waldes ihre Nüstern durchdringt. Kein Wunder, wenn das geplagte Tier einen Rappel kriegt, verrückt wird und durchgeht. Rumpeln dann hinter ihm auch noch die Hunte und poltern höllisch in dem schwarzen Schlund, dann wird es zur Furie. Es ist nicht mehr zu halten.
Der Todessturz in unergründlich finstre Teufe bleibt unvermeidlich.

Schlagende Wetter

Im Schacht wirbelt Kohlenstaub umher, entweicht Methangas aus den angebohrten Flözen, die allesamt leicht entzündlich sind. Daß Funken der auf hartes Gestein treffenden Hufeisen ein Schlagendes Wetter gezündet haben könnten, tobende Blitze auslösend, Feuersturm, der durch die Stollen rast, Mensch samt Tier tötend. Das erscheint mir möglich. Auch könnte der Dichter in dem seine Fesseln brechenden Geschöpf ein zündendes Flammenzeichen für alle geknechtete Kreaturen gesetzt haben. Er wünschte wohl die Tiere tierwürdig leben zu sehen wie die Menschen menschwürdig.

Meine Vermutung

Ich kann ja nur wähnen, was sich der Paul gedacht, aus welchen Erlebnissen er seine Gedanken geschöpft hat, was seine Seele erschüttert, sein Gemüt bewegt. Ansonsten müßte ich ihn genau gekannt haben.
Dies hätte ich ja gern; es ist leider unmöglich geblieben. Wie viele seines Gleichen wurde er seiner Heimat gewaltsam entwurzelt, in die Fremde getrieben, wo er sich dann leidenschaftlich indianischer Volklore verschrieb.

Die Fähigkeit des Dichters ist es, Ereignisse und Gefühle in gestanzte Rede zu fassen.
Andere sehen das Selbe, bringen es jedoch nie zu Worte. Auch gehen viele Leute vorbei, gar Nichts empfindend. Hätte der Knecht, der die Peitsche greift, den blinden Gaul mit harten Schlägen antreibend, Mitleid für das gegeißelte Vieh, dann müßte er selbst diesem kargen Broterwerb entsagen und hungrig betteln gehen. Mitgefühl wird bei ihm schon aus schierem Erhaltungstrieb unterdrückt.
Das ist die Leistung des Paul Zech, hier Elend wahrgenommen zu haben, es beeindruckend auszusagen; darin liegt Erkenntnis.

Das Roß der Walküre

Betrachte ich die letzte Strophe der Ballade, so will mir scheinen, schemenhaft sind hier Bilder aus der Sagenwelt der germanischen Mythologie eingewebt:
'... wiehert durch die grüne steppe.'
Walküren, Kampfjungfrauen im Auftrage Odins sind es gewesen, die den mutigen Krieger von der Walstatt nach Walhall treulich begleitet haben. Ihnen diente 1 silberweißes Wolkenroß, feurig sturmgeschwind mit breit fliegender Mähne und wehendem Schweife.
Es ist mitnichten abwegig, den Pferden der Kämpen ähnliches zu glauben, in das sie gleich dem Recken geleitet wurden, damit sie zur Endstunde bereit stehen.
Pfad zur Walküre

Totenkult der Germanen

Die Germanen gebrauchten Pferde vornehmlich als Reittiere. Diese Leute gingen sorgsam mit ihnen um und pflegten sie gut. Schied der Reiter aus dem Leben, wurde häufig sein Streitroß in seinem Grabe mit beigesetzt oder erhielt in Nachbarschaft eine gesonderte Ruhestatt. Es lag bereit für den Recken, harrend auf jene sagenhafte Stunde der Erweckung.

Teure Freiheit

So scheint, der gute Paul, der offenbar nie Reiter gewesen ist, die Fabel der Sage als Hintergrund für sein Mitleid erwählt zu haben; daß wenigstens der Seele solch geschundener Gäule auf dem Wege des Unglückes in selige Freiheit verholfen wird.
Das blinde Grubenpferd ging ein ins Wanaheim des Heimdall, der Lichtgestalt unter Wanen und Asen. Dort trabt es sehend auf endlos grüner Steppe neben Gülltopp, Heimdalls Roß, dem mit goldglänzender Mähne.

Oder will dieser Paul Zech den Treibern den herben Verweis erteilen, daß ihre Schinderei wider die Geschöpfe besserer Möglichkeit entgegen steht?

Was spricht der Ökonom ?

Lösen wir uns mal aus unserer Gefühle Reigen, in die nüchterne Welt der Wirtschaftlichkeit steigend.
Warum haben die Züchter keine Hirsche, Rehe, Dachse, Störche, Wespen, Spatzen nebst vielen anderen Tierarten gezüchtet?
Einfach geantwortet: Das lohnt sich nicht.
Zug- und Reitpferde wurden tausende Jahre kaum für den Sport oder aus Liebhaberei gehalten, vielmehr als Trecker bei der Arbeit, als Streitrosse der Krieger. Der Zechenherr hätte die Hunte auch von Kumpeln schieben lassen können, ebenso der Bauer den Pflug von Sklaven oder Gefangenen ziehen.
Pferde sind dem gegenüber wirtschaftlicher; das heißt, deren Zugleistung kostet weniger.

Aus meiner Sicht hätten die Pferde gleich den Bergknappen von jeder Schicht ausgefahren werden können und oberirdisch aufgestallt. Ob dem Paul sowas jemals in den Sinn gekommen ist, weiß ich nicht. Heutiges Verständnis für Tierschutz gab es damals keines. Anderes Nutzvieh stand auch in engstem, düsterm Raum eingebuchtet. Man kennt das vom Augiasstall, dervoller stinkendem Mist lag; Sagenschatz der alten Griechen, Herakles.

Was würde ich veranlaßt haben?
Die Pferde ausgefahren, in Schichtgruppen eingeteilt, daß in Rotation jeweils 1 Gruppe für 1 Tag wöchentlich hätte weiden dürfen. Fürsorglich gehaltene Tiere löhnen Hafer, Gras, Pflege mit viel besserer Leistung, leben länger denn jene, die in Staub, Dreck, Dunkelheit traurig verkommen.


Windmühl am 28. November 2002



Hier ist Paul Zechs Ballade zu lesen !
 
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2003 Martin Grabo, WindiMühl