P f a d e !

B  R  Ie  F  K  A  S  T  E  N

 
14 Drücken !

 
 

 

Mein Briefkasten

Ich wohne in 1 der 3 Ortsteile dieser Gemeinde. Jeder hat seine Dorfstraße und diese je 1 Grundstück der Nummer 14 nebst dem dazu gehörigen Briefkasten.
Der meinige scheint besonders anziehend zu sein; 1 großer selbst gezimmerter, mit 3 eingebrannten Namen samt Nummer geziert, frei auf 1 Stahlbein stehend am Straßenrande unter einer Birke.
 
Sei es aus Unkenntnis oder Lässigkeit der Zusteller, daß zuweilen 1 Sendung der anderen 14 in meinem braunen Kasten landet. Leider war bisher kein schwerer Geldbrief bei, den zu behalten sich gelohnt hätte.
 

Der Irrläufer

Am 30. April, nachmittags, habe ich den bisher letzten Irrläufer rausgeholt.
 
'Naja,' sagte ich mir, 'Freitags ereignet sich sowieso nicht mehr. Morgen ist Remmidemmi auf dem Maifeld mit Fußball, Kegeln, Ballontrampolin, Modeschau, Eisbude, Tanzzelt und mehr. Vielleicht treffe ich jemanden.'
 
Dieses Glück sollte mir nicht beschieden sein, doch ich hielt mich dort nur 1 knappe Stunde auf. Aber Bekannte von mir, die ob des Verirrten wußten, sagten den Leuten Bescheid. Zu mir kam niemand; dann war das Ding wohl weniger dringend. Auch hatte ich geringe Lust gehabt, des Abends noch dorthin zu kurbeln, verschob es lässig auf den Sonntag.
 
Es ist mir klar gewesen, daß ich fahren würde; ich hatte es so gewollt. Nur wann? Das blieb die Frage. 1 Tag ist lang, teilt man ihn in seine 86400 Sekunden.
Ich radle fast jeden Tag, damit ich schwipp bleibe, aber dann nach Lust und Laune. Nachdem ich mehrmals an dem Tisch vorbei gelaufen war, auf dem der Verirrte seiner weiteren Beförderung harrte und der mich jedes Mal dreckig angriente, als wenn er fragen wölle:
 
'Na, mei Gutster, wann lockerste deine verklemmten Impulse? Ich bleibe geduldig.'
 
Dann plötzlich doch, aus innerem Drängen, kam ich in Bewegung, hatte keine Zeit mehr für was andres.
 
'Los gehts!'
Windjacke angezogen, Mütze aufgesetzt, Schutzbrille vor die Augen, in die Schuhe geschlüpft, in die Handschken. Den Brief habe ich in die Innentasche des Anorakes gesteckt.  
Als ich vor die Tür trete, zeigt sich der Himmel mit dicken Wolken verhangen.
'Es könnte regnen? Egal!'
 
Der innere Anstoß wird zum festen Entschluß. Den Drahtesel Bocko aus dem Schuppen geschoben; in den Sattel geschwungen; kräftig losgekurbelt und die Gänge durchwühlt; Bocko hat ihrer 24.
 
Entgegen meinem Wunsche näherte sich beharrlich das Regen vermuten lassende Wolkendickicht. Ich sah etwas auf mich zukommen, das ich erst beurteilen konnte, wenn ich es hautnah und naß auf dem Buckel hatte.
 

Es wird regnerisch

In der Großen Gasse dann wabberte mir diesiger Nieselregen entgegen, dem sich auf der Alten Straße etliche kleinere Tropfen beimischten. Der Asfalt begann wässerig zu glänzen.
 
Nochmal fragte ich mich: 'Kehrste um oder bleibste auf Kurs?'
Bocko hat vorn nur 1 kurzen Kotflügel; doch bei klitschnasser Straße spritzen vom Reifen beschleunigt Wasser und Dreck gegen Schaltung, Zahnkränze, Kette samt den Füßen. Da hätte ich vielleicht eher den alten Speicho nehmen sollen, der ist dagegen gerüstet.
 

Wird es noch nässer?

Prüfend blickte ich auf das Vorderrad, fragend: 'Spritzt du schon?'
Nein; der Regen füllte die Ritzen und Löchlein in der Straße noch nicht. Ich hatte auch gar keine Lust zum Wenden. Mich trieb was voran. Vielleicht war Erinnerung mit dabei. Im Nachbarort bin ich zur Schule gegangen. Mit den Jungen habe ich ein kameradschaftliches Verhältnis gehabt; womöglich auch wegen der geschäftlichen Beziehungen meiner Eltern zu vielen Leuten dort.
Nahe Raiffeisen winkte mir der Weg zum Klingeldamm:
 
'Richtig, den fahr ich jetzt! Wozu sonst habe ich 1 Geländerad? Dort stehen Bäume, die halten Regen ab, zudem kürze ich den Weg.'
Ich rollte zum Dammfuß runter, den holprigen Fußweg entlang, dann hoch in den Winkel und übern Dorfplatz.
 

& 1. Zeit–Schleife &

Hier war früher 1 Teich gewesen, mit 1 Rollschicht gelber Klinkerziegel umrandet. 1 heftiges Sommergewitter hatte sich ausgeblitzt, ausgedonnert, ausgeregnet. Von der Ahornreihe entlang dem Teich fielen Wassertropfen, die im hellen Sonnenschein brilliant glänzten. Vor 63 Jahren platschte ich barfuß auf dem warmen, triefenden Rand entlang.
 
Ich war heime ausgebüchst, die 2 km gelaufen, hier beim Krämer UHU-Schnellkleber kaufen. Der war sehr rar im Kriege. Ich kannte den Kofmich, und ich bekam den begehrten UHU. Andere Geschäfte hatten mir langsam bindenden Kleister angedreht; in meinem Flugmodellbau nur teils brauchbar, für Klebfalze garnicht.
An der Stelle des moddrigen Teiches befindet sich heute ein hübscher Kinderspielplatz, von rührigen Eltern liebevoll betreut.
 

Begegnung

Ich war fast über den Platz, mußte raus aus der eingeschleiften Vergangenheit.
Ich rollte auf die Dorfstraße. Gleich eilte mein Blick in Richtung Briefkasten 14 voraus. Meine Strategie unter den gegebnen Umständen:
Schnell hin zum Kasten; steif bremsen; genau davor stoppen; Brief aus der Tasche; Klappe auf; Brief durch den Schlitz; Klappe zu; kurz wenden; flugs fort.
 
Denkste dir!
 
Jetzt trat jemand daneben aus der Hoftür:
'Die Person mußt du noch erreichen, bevor sie verschwindet!'Befehl dies.
Ich legte einen Zahn zu. Sie begoß aus der Gießkanne das niedliche Vorgärtchen, wendete sich schon gegen die Tür, als ich laut rief:
 
'Warten Sie! Ich habe was für Sie.'
 

Übergabe

Bin noch mal kräftig aufs Pedal gestiegen, bremste dann steif, hielt vor dem Fräulein des Hauses, der Empfängerin.
 
'Einen Brief bringe ich für sie, der ist in meinen Kasten geworfen worden.'
 
'Ich weiß; das ist mir gestern gesagt worden.'
 
Bockos Querstange zwischen den Beinen stand ich neben ihr, riß den Anorak von unten her auf, dann die Tasche, griff den Stromer, reichte ihn der Empfängerin, bemerkend:
 
'Ich radle jeden Tag irgendwo hin, mich forsch zu halten. Da kann ich auch zu Ihnen kommen. Was hätten Sie davon gehabt, hätte ich ihn zurück geschickt?'
 
Die Dame bedankte sich, betrachtete die Adresse, meinend: 'Die Anschrift ist doch genau richtig. Wieso ist der nicht bei mir angekommen? Wir achten immer darauf, daß der Ortsteilnamen mit angegeben wird.'

'Wer weiß, wie seine Irrfahrt zuwege kam?' orakelte ich. 'Er ist letztendlich in die Hände gekommen, die ihn empfangen wollten'.
Sie hatte ihn in der Hand, sich bedankend.
 
'Jemanden einen Gefallen tun', sagte ich mir, 'mußt du dir auch mal leisten können.'
 
'Auf wiedersehen!' verabschiedete ich mich.
Sie gab mir ihren Abschiedgruß. Bereits in der Hoftür stehend wünschte die Dame mir einen schönen Sonntag. Ich dankte zurück.
 
Das hatte länger gedauert als den Brief in den Kasten schmeißen. Ich stob davon.
 

&& 2. Zeit–Schleife &&

Diesmal bin ich die Straße entlang gekurbelt, kam wieder am Darfplatz nebst ehemaliger Schule vorbei. Hier fliegt meine Erinnerung mitunter in die Jugendzeit zurück. Diese Schule habe ich 3 Jahre gern besucht. In der Morgenfrische bin ich hergeradelt; die anderen Schüler sind gelaufen.
Ich hatte Mühe gehabt, stets püntlich zu sein. Gelegentlich mußte ich den Lehrer überholen, der auf der Alten Straße seinen Drahtesel geritten hat, während ich auf der parallelen Neuen den meinigen kräftig antrieb.
 
Angekommen empfing mich der Hohe Flur mit breiter Treppe; rechts die Klassentür; das Klassenzimmer freundlich und licht, mit breiter Fensterfront gen Westen; Einzeltische für je 2 Schüler, die flache Sperrholztischplatte grün lackiert, mittich das Tintenfaß, freie Stühle; an der Stirnseite die hohe Schiebetafel, daneben 1 Klapptafel, dazu 2 rechts an der Wand; Borde für Schaustücke; Bücherei; Mineraliensammlung; Chemikalien; Physikgerät; Filmvorführgerät; Sportgerät und sonstige Dinge wie Landkarten nebst dergleichen mehr.
 
Alles Dinge, meinen Wissendurst zu stillen und den der Kameradinnen & Kameraden.
 
Während der Pause haben wir meist Völkerball gespielt, uns dabei ausgetobt. Gefürchtet von den Kleinen waren die harten Ballwürfe der Großen, denn jede und jeder hat mitgespielt, die den Mut aufbrachten, Mädel samt Jungen. Flog der Ball mal in den Teich, langte ihn der Lehrersohn später wieder raus für des nächsten Tages Pause.
Die hiesigen Bauern ließen sich die Schule für ihre Kinder und die ihrer Knechte schon was kosten.
 
888888   V o r b ei !   88888
 

Kein Regen

Ich kurbele bereits auf der langen Alten Straße. Der zarte Nieselschleier wird dünner. Schade. Jetzt könnte es zu regnen beginnen. Die Pflanzen wollen wachsen. Doch schon als ich das letzte Mal in dem Orte weilte, hatte es zu regnen begonnen. Heime angekommen, lagen die Äcker trocken; kein Regen mehr.
 

Anmerkung

Die Ostteil–14 hatte mich vollgenölt, wie denn ihr Brief in meine unberufnen Hände komme, mich mißtrauisch angeblickt, das unversehrte Stück mehrmals gewendet und prüfend scharf betrachtet. Schließlich wurde sich 1 gequältes Danke abgequetscht, mir die Tür vor der Nase zuschlagend. Immerhin war ich dorthin und zurück 6 km geradelt.
Sowas merkt Mann sich. Seitdem gehen Irrläufer umgehend an den Absender zurück.
 
Mehr ereignete sich nie, sollte auch garnicht.
 

Verzwicktes Nachspiel

 
 

Nicht erledigt

Vorläufig war die Angelegenheit erledigt, aus, vorbei. Irgendwelche Folgen hatte ich niemals erwogen. Mir schien diese Vergangenheit immer bewältigt; kein Gedanke lugte mehr zurück.
Wozu eigentlich? Die Briefzustellung war glücklich zu Ende gebracht worden; das genügte.
 
Nur, diesmal gabs ein dickes Nachspiel; nie hatte ich im Traum mit dem gerechnet. Spät abends, als meine Gedanken innere Beschaulichkeit übten, meldete sich einer, Kast geheißen:
'Da stimmt was nicht mit dem Brief und reinem Zufall!'
'Was solls?' habe ich ihm gesagt. 'Vergiß es! Gute Nacht!' Danach bin ich eingeschlafen. Nachts dann, ich werde jede Nacht wach, wurde Kast auch munter. Er meldete sich sofort:
'Na, wie ists? Soll ich nachdenken helfen? Du hast keine Ahnung, wie das Treffen am Briefkasten zustande kam. Deine Absichten wurden durcheinander gekegelt. Stimmts?'
Solche Anmache liebe ich nicht. Aber mitunter kann sie wie Raketentreibstoff schleunen.
'Irgendwas könnte sich vermuten lassen. In mir hatte mal ähnlicher Verdacht geschwant bei anderen Begegnungen. Aber wie dessen Sinn erkunden?' Irgendwann bin ich wieder eingeschlafen; dachte zuvor kurz: 'Mach ne Liste!'
 

Die Liste !

Listen öden mich immer an. Doch wenn es sein soll, dann muß es sein. Mir war das ganze Unterfangen nach wie vor schleierhaft. Wiederholen läßt es sich nicht.
Da sind zu viele unbeabsichtigte Ereignisse als Vorbereitung für das eine Einzige. Es kann hier keine von einer Göttlichkeit gedeichselte Kausalkette geben, also kein Wunder. Ich wüßte garnicht, welcher heren Gottheit ich dafür geopfert hätte? Trotzdem mutet mir das Vorkommnis wunderlich an. Nichts paßt zusammen und dennoch stimmt es letzten Endes in Bezug auf die Treffgunst.

Rückbesinnung

Irgendwann am Nachmittag des 30. April 2004, die Postsendung hatte ich gegen 12 rausgenommen, klappte wahrscheinlich der Deckel des Kastens, was ich wohl unterschwellig wahrgenommen habe.

Irgendwie wand sich der Gedanke in die Befehlwacht: "Müstest mal in den Kasten kucken, vielleicht ist was drin; um die Zeit meist vom Finanzamt oder anderen Geldsüchtigen." Greife mir den Schlüssel, laufe die 85 Meter, nehme den Brief raus.

Ich blicke auf den Namen: "Aha, für West-14." Weil durch die Klappe gefallen, fiel er mir zu.

Erst später betrachte ich die Anschrift sorgsamer, und die enthält genau die echte Adressatin, wurde jedoch am falschen Ort in den falschen Kasten mit richtiger Nummer: 14 gesteckt.

Was für den Zusteller ein Irrtum war, entpuppt sich für mich als Zufall.

Gleichgültig ob Irrtum, Zufall oder falsche Anschrift, der Zugefallene mußte aus meinem Zwischenlager fortbefördert werden.
Entweder rufe ich den Adressanten beziwei Zusteller an, daß sie ihn rückholen, oder ich bringe ihn den Leuten selbst.

Doch es findet sich keine echte Lust ein, denn außer dem stummen Briefkasten erwartet mich dort niemand.
In Ausreden bin ich ganz gut:
"Rückholt der Adressant, bekommt die Adressatin den Brief frühestens Montag, Sonnabend ist anstrengender Feiertag; Sonntag dann erholsamer Ruhetag; erst Montag kommt man mühsam in die Sielen. Bemühe dich morgen, von den Leuten wen auf dem Maifeld zu treffen.

Remmidemmi am 1. Mai. Ich wandle 1 Stunde zwischen den Jauchzenden, begegne keine der Gesuchten.
Mutter nebst Tocher treffen meine Frau während der Modenschau; sie berichtet ihnen von dem Briefe.

In mein Haus kommt niemand, den Verirrten abholen. Alle verlassen sich auf mich.

Genaue Zeitpunkte in meinem Tuen fest zu legen, meide ich wie die Seuche. Zeitpläne stören empfindlich mein Kreativität. Deren Wirkmechanismen lasen sich da schlecht hineinzwängen. Das ist widerlich.
Also überlasse ich es innerem Anstoß, wann es denn losgeht?
Richte mich nach meiner inneren Befindlichkeit, dem anregenden Gefühl, daß es nun beginnen kann.

Ansonsten weiß ich genau, was ich will:
"Den Brief flink in den richtigen 14-zehner schieben und schleunigst verduften. Die Empfängerin mag ihn rausangeln wann sie will."

Ende des Ereignisses !

Überlegungen


Kast meldet sich aufsässig: "Hast du deine Liste fertig? Ich wollte nicht stören. Zu welchem Schluß kommst du nun?"

"Warts ab! Ich muß noch überlegen."

"Hoffentlich wirst du mal fertig damit."

Kein Versagen der Befehlkette. Daran ändert auch das unerwartete Erscheinen der jungen hübschen Maid nichts; wiewohl der ältere Herr sich von der Aufmerksamkeit anmutiger Weiblichkeit stets geschmeichelt fühlt.
Ein vereinbartes Stelldichein an der Normaluhr würde bestimmt unpünktlicher gewesen sein, wenn gar daneben gegangen.
Es hätte genauso jemand anders von den Bewohnern aus dem Tor treten können.

Habe mit paar Leuten gesprochen, die es bei andrer Gelegenheit ähnlich angetroffen hatten. Sie meinten, ein seltsamer Zufall sei das gewesen. Plötzlich stand ich vor der oder dem im Marktgewühle:

"Ach, det bist du jo, Ella. Wo kummste denn her in den Truwel? Hawwe jor nich jewußt, det de oo hier bist."
"Ik oo nich vun dich. Is woll schen, uns weller mol ze sähn. Wie jehts eich denn immer noh? Hatn Arnst noh sine Arwet?"

Folgerungen

Kast läßt mir nimmer Ruhe: "Mit obigem Kalkül wirst du kaum in Tiefe des Sachverhaltes dringen. Was du nennst, ist Wirkung, jedoch nicht die auslösende Ursache.

Du rechnest gern, geh damit auf Schleierfahndung nach dem gesuchten Lungerer."

"Was soll das nun wieder? Immer die lästigen Ratschläge. Vielleicht will ich gar nicht weiter forschen. Der Brief ist angekommen. "Danke!" wurde gesagt. Und damit hat die Geschichte ihr seliges Ende.
"Ich will nicht mehr! Will ein wunderschönes Märchen schreiben, ein Wundermärchen!"

"Na, na!" höre ich ihn aus dem Hintergrund. "Du wirst dich doch nicht verheben? Märchen und sowas? Ich kenne dich nicht wieder.
Denke mal: Wahrscheinlichkeitsrechnung, Trefferwartung?"

"Darin sehe ich noch keinen leuchtenden Pfad der Ereknntnis. Sage mir, wie ich Zeit samt Ort berechnen soll, wo meine gewollte Kausalkette von einer unbekannten, fremden zerruppt wird?"

"Warts ab, wir rechnen hier mit Möglichkeiten, Trefflichkeiten, Erwartungen. Die Rechnung wird dir schon was bedeuten."

Würfelrechnung

"Verehrte Damen, werte Herren!

Nehmen Sie bitte Platz!


Ich bin beauftragter Vertreter der holden Glücksfee  Golda , die, Ihnen selig verbunden, herzlichst grüßen läßt.

Ich heiße:    E l f e n H a n s                         

Er schreibt seinen Namen bedächtig an die Wandtafel.

Wir tüchtigen uns zuerst in Glücksrechenkunde, bevor Sie sich auf Goldas herrliche Gewinne werfen können.
Legen Sie Schiefertafel nebst Griffel griffbereit.
Folgen Sie bitte meinem Rechengang an der Tafel und kritzeln Sie hurtig mit. Es dient ihrer Glückspirale.

Ein jedes hat seine Zahl, besonders in Goldas rosigen Gefilden. Denken Sie an Knobeln, eßbare Pilze sammeln oder die Höhe des Hauptgewinnes. Große wie kleine Mengen tuen ihre Wirkung.

Zur Ortung günstiger Glückfälle empfehle ich als Wiederholung und Vertiefung des Stoffes das Buch "Mathematik und Leben" Bd.II, S.559, von unserem verehrten Fachberater Herrn Dr. J. Gäbler durchgerechnet u. aufgeschrieben, dann im VEB Fachbuchverlag Leipzig 1963 erschienen.

Die ernsthafte Glücksfee kann sich heutzutage unmöglich allein auf ihr pralles Füllhorn, ihre großen Hände und der Lust an edle Freigibigkeit verlassen. So kann es kommen, wie Dichter und Jurist E.T.A.Hoffmann detektivisch exakt ermittelt und aktenkundig im Bericht "KLEIN ZACHES GENANNT ZINNOBER" –isch getreu protokolliert hat:
Fee Rosabelverde beging gutmütig 1 Fehler gegen den Willen ihrer mächtigeren Obrigkeit. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie stärkte die Administrative, vergnatzte jedoch das edle Dichtertum.

Sind Sie bereit?
Dann beginnen wir!

Sie berechnen anfangs mit mir den 6-flächigen Spielwürfel. Dieser ist der Fee liebstes Spielzeug.
Sie erinnern sich gewiß Ihrer frohen Kindheit, die ohne Würfelspiel undenkbar sein würde. Sie erinnern sich Ihres Glückgefühles, als Sie beim "Mensch ärgere dich nicht" die 1. 6 gewürfelt haben und den 1. Spielbub in die Runde schicken durften. Mit welch hämischer Freude haben Sie den 1. Gegnerbub aus dem Rennen geschmissen? In Tränen ging Ihnen Ihr erstes Spiel verloren.

Wir verlassen den kindlichen Gefühlreigen, begeben uns zur abstrakt nüchternen Umrechnung solcher Fälle.
Angemerkt sei: Der Handwurf bietet viel, zuviel Zufälligkeit. Unseren Rechenkünsten denken wir ein unbestechliches Würfelwurfgerät als Voraussetzung."

1. Rechensatz


"Ihr Würfel habe 6 Seiten; jede davon hält 1 Anzahl Punkte in der Folge von 1 bis 6 Stück. Diese sind so angeordnet, daß die Punktmenge der sich gegenüberliegenden Flächen stets 7 beträgt. Die Punktzahl gelte, die bei Würfelstillstand oben liegt.
Die vorgenannten Bedingungen sind für Ihre Rechnung unnötig, wurden jedoch der Sorgfalt wegen genannt. Spieler, die solche sträflich mißachtet haben, mußten Spielschuld auch schon mit ihrem Leben bezahlen.

Die Frage ist:
Wie oft muß ich den Würfel mindestens werfen, um angeben zu können, es sei keine 1 geworfen worden?

6 mal ist die richtige Zahl!

Mit 5 Würfen würde 1 Möglichkeit bezüglich der 6 Seiten ausgelassen worden sein. Fassen Sie den Sachverhalt in der Formel

w = t/f (w=wahrscheinlich; f=fällig; t=trefflich)

Zahlen eingesetzt: 1t / 6f = 1w ; 6w = 6t / 6f

Die Wahrscheinlichkeit mit 1 Wurf die 1 zu werfen beträgt 1/6 (ein Sechstel).

1/6 dient als Richtmaß. Würfeln wir 12 mal und keine 1 zeigt sich, werden wir mißtrauisch; bei 24 Würfen dann hegen wir Verdacht, daß der Würfel gezinkt ist.

Je öfter sie würfeln, um so mehr verschwinden die Unterschiede des 1. Gewurfes."

2. Rechensatz


"Ich zitiere aus "Mathematik und Leben" Seite 563:"


... Vielmehr ist folgende Überlegung anzustellen: Man geht am besten von der Wahrscheinlichkeit des Gegenteiles des geforderten Falles aus. Hier ist das Gegenteil des mindestens einmal werfens der 3 das keinmalige Werfen der 3. Die Wahrscheinlichkeit, daß die 3 nicht geworfen wird, ist 5/6, daß sie zweimal nicht geworfen wird, d.h. sowohl das 1. wie das 2. Mal nicht, beträgt 5/6 * 5/6 = 25/36 Außerdem bestehen hier folgende Möglichkeiten: Die 3 kann das 1. Mal geworfen (1/6), das 2. Mal nicht geworfen werden (5/6), Wahrscheinlichkeit 5/6 * 1/6 = 5/36 ; die 3 kann das 1. Mal nicht geworfen (5/6), das 2. Mal geworfen werden (1/6) Wahrscheinlichkeit 5/6 * 1/6 = 5/36 ; die 3 kann sowohl das 1. Mal wie das 2. Mal geworfen werden, Wahrscheinlichkeit 1/6 * 1/6 = 1/36 . Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten ist tatsächlich 25/36 + 5/36 + 5/36 + 1/36 = 1 Entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit, daß die 3 sechsmal nicht geworfen wird (5/6)6 ; daß sie mindestens einmal geworfen wird demnach w = 1 - (5/6)6 = 1 - 15625/46656 = 31031/46656 = 0,665 Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, bei sechsmaligem Würfeln mindestens einmal eine 3 zu erhalten , beträgt 0,665 oder nahezu 2/3.
 
Ende des Zitates.

"In diesem Fall, geschätzte Anwesende, haben wir es mit einem Sonderfall neidischer Wendehälse zu tun. Der wird von Fee Golda mißbilligt.
Was soll das für ein Glück sein, in einem Topf voll gleicher Gewinne nach einer Niete zu suchen ? Ha!
Dies ist Gleichmacherei in gröbster Potenz.
Nur Gewinnende als Einzel in der Masse von Nieten können das prickelnde Bukett wahren Glückgefühles stark empfinden. Allein der Höchstgewinn befiedigt die giere Lust am Spiel, um die größte Spekulationsblase und in der Schlacht um Bimbes.
Ich bitte, diesen Satz wortwörtlich zu vermerken !"

3. Rechensatz


"Sehr beliebt sind Spiele mit 2 Würfel. In denen ändert sich die Gunst der Wahrscheinlichkeit. Nehmen wir als Beispiel das bekannte Topfspiel, auch Böse 7 genannt.

Um den mittich stehenden Topf zu leeren, ist 1 Sechserpasch nötig = 1 Sechsdoppel. Außerdem gibt es den Zweierpasch für die Ärmsten, der keiner Sonderregel unterliegt. Zwei- gleich Sechsdoppel rechnen sich

1/6 * 1/6 = 1/36

Ein Sechstel mal ein Sechstel gleich ein Sechsunddreißigstel; also muß ich 36 Mal würfeln um sicher zu sein, daß ich kein Sechsdoppel in dem Gewurf hatte. Die Gewurfspanne reicht von 1 bis 36; die Gewurfwerte betragen 2 bis 12.

Nun ist es wahrlich nicht so, daß unsre sehr verehrte Golda ihr Füllhorn so knauserig sprudeln läßt wie bei bei den Dopplings.
Nehmen wir die Punktzahl 7. Die kann sich aus unterschiedlicher Zahl beider Würfel summieren:

1 + 6 ;  2 + 5 ;   3 + 4;   4 + 3 ;  5 + 2 ;  6 + 1

Die 7 fällt somit 6 Mal öfter als irgendein Doppel; die Erwartung oder Wahrscheinlichkeit ist 6/36 = 1/6 .
Sie ahnen, warum der Topf so oft bekommt, jedoch nur selten gibt. Wer nach dessen Inhalt giert, um seine Schulden tilgen zu wollen, darf eisern Geduld hegen.

Aus obiger Rechnung ist leicht erkennbar, warum Spiele mit 3 Würfeln langstielig bis langweilig sind, die den Hauptgewinn auf Dreipel setzen. Hier umfaßt das Gewurf 216 Würfe.

1/6 * 1/6 * 1/6 = 1/ 216

Die Erwartung hier zu gewinnen ist rar. Das Gewurf durchzuspielen, bei 1 Minute für jeden Wurf, würde 2 Stunden + 36 Minuten dauern. Bringen Sie so viel Muse auf, um reich zu werden?"

4. Rechensatz


"Für die letzte Rechnung benötigen Sie den wissenschaftlichen Taschrechner!

Sie spielen mit 2 Würfeln; erwarten 1 Sechspasch im Gewurf.
Sie errechnen den Wurfzahlbereich, in dem, von Anfang an, das Fallen beider Sechsen wahrscheinlicher ist!
Verstehen Sie dabei Wahrscheinlichkeit, die größer als 1/2 der Gewurfmenge ist. Es sei: n = Anzahl , lg = Zehnsys-log ½  = 1/2  = 0,5 .

n * lg 35/36 = lg 1/2 ; n = (lg 1 - lg 2) / (lg 36 - lg 35) n = 0,30130 / 0,01223 = 24,6

Tippen Sie großzügig auf den Bereich 1 bis 24 Fälle."

Ende der Rechenstunde


"Für heute enden wir.
Machen Sie sich reichlich Gedanken, ob wir den Treff am Briefkasten behelfs unsrer Rechenübung

  1. als reinen Zufall werten können,
  2. als Glücksfall aus Goldas milder Hand, oder ob
  3. im Hintergrund verschleiert noch unbekannte Mächte mitspielen könnten ???
Notieren Sie Ihre Überlegungen als freien Vortrag !
Auf Ihre Antworten bin ich gespannt.


Besuchen Sie bei Gelegenheit Goldas Glücksschau in der Glücksburg. Sie werden dort herrliche Dinge sehen, die Menschen ein Wunder nennen.

Ich wünsche Ihnen einen seligen Heimweg.
Morgen sehen wir uns erfrischt wieder:
 

Bis dann; Tschüs !



"Eine winkende Glücksträhne fassen nur Leute, die beherzt hingreifen."


 
++++++++++++++++++++++++++++++++

Fortsetzung meinerseits folgt !

 

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2004 Martin Grabo, WindiMühl